Karl unter den Weibern

Eine Walliser Sage, in der die Frauen aus Zermatt eine wilde Horde von einem Überfall auf das Dorf abhalten.

Mit Hilfe der Fernrohre auf dem Gornergrat kann man auf den Theodulpass blicken, dem Schauplatz dieser Sage.

„Vor vielen, vielen Jahren war wieder Krieg im Land Wallis. Bei kriegerischen Anlässen mussten ehemals die waffenfähigen Männer alle die Heimat verlassen und gegen den Feind ins Feld ziehen. So war es auch in Zermatt in jenem Kriege, von dem ich erzählen will; alle wehrhaften Männer und Jünglinge waren ausgezogen; nur Einer, mit Namen Karl, blieb zurück, um Ordnung zu halten.

— Und es langte auf einmal Botschaft an, am Fusse des Theodulpasses sammle sich eine wilde Horde, um in Zermatt einzufallen. Unser Karl verlor aber den Kopf nicht; schnell sammelte er die Weiber und kräftigen Töchter, liess sie die zurückgelassenen Kleider der Männer und Brüder anlegen und führte sie, mit allerhand Instrumenten bewaffnet, den Berg hinan dem Feinde entgegen.

Wirklich erschienen die Feinde bald auf der Passhöhe und bemerkten die Vorkehrungen, die man zu ihrem Empfange getroffen. Sie sandten darum Spionen ab, um auszukundschaften, mit was für einem Feinde es wohl gelte. Diese durchmusterten alles genau und fragten verwundert den Anführer Karl, wie er da wohl seltsame Krieger habe, die ihre Brust so hoch trügen.

Dieser antwortete, der Mut, die Wut und die grosse Kampflust machten ihnen das Herz so hoch anschwellen. — Die Spione kehrten bedenklich zurück — und vom Feinde war nichts mehr zu vermerken. — Das ist die Geschichte Karls unter den Weibern. — Noch jetzt wird jeder so genannt, der allein unter Weibervolk weilt."

Quelle: M. Tscheinen, P. J. Ruppen, Walliser Sagen, Sitten 1872.

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